Menschen Zukunft schenken.

Hoffnung suchen

Die Diakonie unterstützt Menschen in schwierigen Lebenssituationen: Bei Krankheit und in sozialer Not, auf der Flucht und nach Katastrophen; sie stärkt Menschen mit Behinderungen, begleitet in Pflege und Alter, investiert in die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen.

Hoffnung schenken

Über 7.500 MitarbeiterInnen setzen sich jeden Tag für andere ein. Die Diakonie ist Hoffnungsträger für Menschen im Alter, für Kinder, für Flüchtlinge und Familien in Not.

Hoffnung finden

Mit über 600 Standorten in den verschiedensten Aufgabenbereichen bietet die Diakonie ein hochwertiges Netzwerk an sozialen Einrichtungen. Mehr Informationen zu den einzelnen Projekten und Initiativen finden Sie auf diakonie.at

Hoffnung hat viele Gesichter

Suchen und finden, geben und nehmen, zutrauen und ermöglichen.
Das alles macht Hoffnung.
Denn Hoffnungsträger sind wir alle.

Unsere Hoffnungsträger

Veronica Handl
Sofia Mohammadzadeh
Waltraud Heinschink
Peter Jaroš
Hadi Nazari
Heidrun Jannach

Unsere Hoffnungsträger

Veronica Handl
Veronica Handl

„Zerbrechlich, stark und schön“

Veronica Handl: Ich freue mich, wenn die Sonne scheint und über jede lustige Begegnung. Traurig machen mich nur Ungerechtigkeiten.

Ich bin 1955 geboren. Mein Vater ist 1938 von Wien nach Argentinien geflüchtet. Ich selbst wurde 1973 von der Militärdiktatur aus Argentinien ausgewiesen. Das heißt, dass ich in der Geburtsstadt meines Vaters lebe. Und mein Vater lebte in meinem Geburtsland. Meine Familie ist verstreut. Meine Brüder leben in anderen Ländern. Mein Sohn lebt in Brasilien. Nach Argentinien bin ich nie wieder gefahren. Dort würden jene Erinnerungen von Folter und Misshandlung wach, mit denen ich ohnedies täglich leben muss. Das passiert mir auch hier sehr oft.

Matratzenlager

Ich bin aber ein sehr lustiger Mensch. Ich freue mich, wenn die Sonne scheint und über jede lustige Begegnung. Traurig machen mich nur Ungerechtigkeiten. Ich führe ein sehr bescheidenes Leben. Ich bin zufrieden, wenn ich meine Rechnungen bezahlen kann. Ich bejahe das Leben. Die Hoffnung gibt mir Kraft. Sie scheint zerbrechlich zu sein. Aber das ist sie nicht. Sie ist stark und schön. Wenn ich selbst Hoffnung habe, kann ich sie anderen weitergeben.

Seit 15 Jahren habe ich das Glück, in der Flüchtlingsarbeit tätig zu sein. Bei der Diakonie fing ich im Flüchtlingshaus Rossauerlände an. Am Anfang kamen vielen Menschen, wir hatten gar keine Zeit vorher die Betten aufzustellen. Wir haben Matratzenlager gemacht. Es kamen Hunderte.

Entführt

Als ich gefoltert wurde habe ich den Schmerz ausgehalten. … ein oder zwei Sekunden… aber manchmal waren die Schmerzen so stark, dass man schreit. Es nicht mehr aushält. Aber noch schlimmer war es für mich, wenn ich in meiner Zelle andere Menschen schreien hören musste. Ich wusste, andere werden jetzt misshandelt. Aber dann habe ich von meiner Zelle zu den anderen unter der Tür durch den anderen Mut zugesprochen. … einmal war ein ganz junges Mädchen. Man hat sie entführt. .. in unseren Gesprächen bemerkte ich, wie die junge Frau wieder Hoffnung erlangen konnte... Ich habe sie gefragt, welche Ziele sie hat, was sie sich vom Leben erwartet… da hab ich gemerkt, sie hat wieder begonnen, an ihre Ziele zu glauben. Aber eines Tages kamen die Militärs und haben 30 Leute mitgenommen. Sie wurden umgebracht. Und sie war eine davon.

Überleben

Für mich ist noch immer am schlimmsten, dass so viele andere Menschen in Argentinien gestorben sind. Ich habe überlebt – so viele andere nicht. Mit dieser „Überlebens-Schuld“ lebe ich. Diese Gedanken trage ich immer mit mir. Ich bin über eine Intervention von Amnesty international nach Österreich gekommen.
Asylwerber dürfen in Österreich nicht arbeiten. Und sie bekommen im Monat nur 42 Euro und Essen. Was ich tun kann ist, diesen Menschen eine Struktur in ihrem Alltag zu geben. Das ist mir wichtig. Wir haben mit Kindern Ausflüge gemacht, haben sie zum Fußballspielen mitgenommen.

Den grauen Hof begrünen

Ich versuche die Menschen auch heute über ihre eigenen Ziele zu motivieren. Irgendwann fingen die Leute an, ihre Zimmer auszumalen. Und die Möbel bunt anzumalen. Die Kinder haben dann auch versteckt die Farben genommen und gemalt. Wir haben begonnen den grauen Hof zu begrünen. Die Farbe hat die Traurigkeit vertrieben.

Festhalten

Menschen, die in einer schlimmen Situation sind, brauchen Motivation, um nicht in die Traurigkeit zu fallen. Ich kann sie festhalten, damit sie nicht umfallen. Es geht um tiefe Dialoge. Wer ein Hoffnungsträger ist, kann das mit anderen Leuten teilen. Ich habe die Gabe, an der Haltung der Menschen zu sehen, wenn es ihnen nicht gut geht. Und dann kann ich auf die Person zugehen. Und dann gebe ich so viel ich kann. Das ist meine Lebensaufgabe. Nicht nur im Bereich der Flüchtlinge. Überhaupt.

#hoffnungsträger werden

Sofia Mohammadzadeh
Sofia Mohammadzadeh

„In meinem Cheerleader-Team bin ich ein Flyer“

Sofia: Hoffnungslos war ich noch nie, das erlaubt meine Mama nicht.

Ich bin 13 Jahre alt und komme aus dem Iran. Ich wohne jetzt mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder in St. Pölten. Vorher haben wir in Scheibbs gewohnt. Ich habe in sechs Monaten schon gut Deutsch gelernt. Meine LehrerInnen in Scheibbs haben alles öfter für mich wiederholt, so hab ich es schnell gelernt. Sie wollten, dass ich immer besser werde. In allen Fächern haben sie mir geholfen.

Weil ich das gut kann

Ich mache gern Sport. Ich bin auch im Cheerleader-Team. Dort bin ich ein Flyer. Ich bin manchmal ganz oben in der Pyramide, weil ich leicht bin, und weil ich mich gut konzentrieren kann. So fall ich nicht runter. Ich schau einfach auf einen Punkt und denke an nichts. Ich weiß, dass die unten uns auffangen. So hab ich keine Angst, weil ich das gut kann.

Ich möchte gern Apothekerin werden. Da kann ich kranken Menschen helfen, und brauche aber kein Blut sehen. Es ist wichtig, anderen zu helfen, dann geht’s allen besser. Ich habe schon Menschen kennengelernt, die sich für was Besseres halten. Die wollten dann nicht mehr mit mir reden, aber mir ist das egal. Ich gehe einfach weiter.

Zusammensein macht Spaß

Meine Familie ist eine sehr nette Familie. Im Iran waren wir oft bei meinen Großeltern, bei den Cousins und Cousinen. Wir haben alle gemeinsam Ausflüge gemacht, gespielt, gemeinsam gegessen.. Hier in Österreich machen wir das nicht mehr. Hier sind wir ja nur meine Eltern, Babybruder und ich. Da machen wir keine Ausflüge mehr. Es gibt ja hier keine Opa und Oma, wo wir am Wochenende hinfahren können. Hier sind wir ganz alleine. Zusammensein macht Spaß, Alleinsein ist blöd, da kann man nicht so viel machen. Aber hoffnungslos war ich noch nie, das erlaubt meine Mama nicht!

Ich mache weiter

Ich bin zuerst in Scheibbs in die Schule gegangen. Dort kennen sich alle, es ist ein kleines Dorf. Alle waren dort Freunde. Ich hatte viele Freunde. In St. Pölten gehe ich jetzt in eine große Schule, ich kenne dort nur wenige. In Scheibbs waren die Lehrerinnen sehr nett, alle haben mir geholfen.  
Zwar haben sie alles hier, man kann shoppen gehen. Aber ich habe hier noch nicht so viele Freunde. Es ist auch nicht so schön, weil ich in der Klasse die Älteste bin. Die anderen wollen mich nicht, weil ich anders bin als sie. Vielleicht meinen sie, dass ich nicht zu ihnen passe. Keine Ahnung. Menschen, die mich nicht haben wollen, lasse ich einfach links liegen. Ich mache dann einfach weiter. Es ist mir egal, wer mich mag, oder nicht. Nicht alle auf der Welt müssen mich mögen.

Probleme nicht alleine lösen

Leni und Stefan haben wir über das Projekt Elongó der Diakonie kennen gelernt. Sie machen mit mir gemeinsam Sachen, und die helfen mir beim Lernen. Helfen uns, ich hab jetzt jemanden, der mit mir etwas unternimmt. Stefan spielt mit mir Federball, Leni geht mit mir zu den Sportsachen. Die beiden helfen uns viel. Man kann seine Probleme nicht alleine lösen. Man muss mit jemandem reden können.

#hoffnungsträger werden

Waltraud Heinschink
Waltraud Heinschink

„Wer nicht neugierig ist, stirbt blöd“

Waltraud Heinschink: Manchmal halt ich mich an Blumen fest. So wie auf einem Klettersteig am Berg.

Ich bin 1934 in Wien geboren. Das war keine friedliche, freundliche Zeit. Aber immerhin noch nicht im Krieg. Meine Eltern haben miteinander eine Parfümerie geführt. Die war damals im Aufstreben. Man hat schon vor dem Krieg versucht Düfte, Seifen herzustellen. Nivea ist aufgekommen. Auch Reinigungsmittel haben wir geführt. Mein Vater war sehr interessiert an diesen Dingen und hat das Geschäft in die Höhe gebracht. Meine Mutti hat es dann nach dem Krieg mit Freude weitergeführt. Weil ja dann die englischen und amerikanischen Artikel gekommen sind. Leider ist eine russische Bombe in unserem Geschäft gelandet. Aber die Mutti hat es mit viel Liebe und Engagement wieder aufgebaut.

Ich bin ein Stehaufmännchen

Die Schwester im Heim sagt zu mir, ich bin ein Stehaufmännchen. Weil ich mich immer wieder zusammen rappel. Ich freu mich jedes Mal wenn ich wieder aufsteh´, und wieder weiter mache.

Ich wohn jetzt bei der Diakonie im Wohnheim. Ich bin in Pension und lass es mir bewusst gut gehen. Ich schlaf lang und lese am Abend lang, oder schaue fern. Das Essen schmeckt mir. Das sieht man auch, aber das ist egal. Und ich höre und schaue, was es Neues gibt. Meine Sitznachbarin hat gesagt, ich bin neugierig. Aber ich hab gesagt, wer nicht neugierig ist, stirbt blöd. Ich hab immer gefragt. Wie heißt dies und das auf böhmisch. Meine Mutter hat gesagt, „Frag nicht so viel!“, aber der Großvater hat gesagt, „Lass sie fragen!“

Sie haben mich gebraucht

Man darf nicht aufgeben. Wenn ich verzweifelt war, waren meine Kinder da und haben mich gestützt. Ohne es zu verstehen. Wie sie kleiner waren haben sie mich gebraucht. Da konnte ich nicht aufgeben. Ich musste funktionieren. Damit überbrückt man sogar die Schmerzgrenze und lebt weiter. Und irgendwann fängt man wieder an, dankbar zu sein, dass die Blumen blühen, die Sonne aufgeht, der Wind geht. Mir ist mein jüngster Sohn als Säugling gestorben. Das hat schon sehr wehgetan und ich hab geglaubt, ich kann nimmer weiter machen.

Dass ich es in den Händen spüre

Ich hoff immer, dass in meiner Familie Frieden und Gesundheit kommt oder bleibt. Und eine friedliche Sterbestunde, wo ich alle um mich hab, dass ich mich verabschieden kann.

Manchmal halt ich mich an Dingen fest wie Blumen und Topfpflanzen. So stell ich mir einen Halt auf einem Klettersteig am Berg vor. Da halt ich mich so fest, dass ich´s in den Händen spür. Sonst fall ich hinunter. Und das will ich nicht. Ich will noch da bleiben. Ich will gern noch sehen, was aus meinen Enkelkindern wird.

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Peter Jaroš
Peter Jaroš

Ein neuer Tag: „Schau ma was draus wird“

Peter Jaroš: Schön ist, wenn ich mich mit jemanden unterhalten kann.

Ich bin jetzt 75, und hoffe, dass ich es noch bis 80 schaffe. Früher war ich Fernfahrer. Ich bin immer bis Rotterdam gefahren. Jetzt wohne ich bei der Diakonie, in einer Hausgemeinschaft. Ich hab mein eigenes Zimmer. Da schau ich viel fern. Die Sozialarbeiterin hat mir DVDs gebracht.

Am meisten Freude macht mir, wenn mich meine Kinder besuchen kommen. Ich hab nicht mit allen dreien so viel Kontakt. Mein Sohn wohnt in Ybbs. Der kommt nicht so oft nach Wien. Am öftesten kommt die Jüngste, die ist Stationsschwester auf der Unfallchirurgie. Aber was soll`s. Sie sind alle erwachsen. Jeder hat sein Leben. Ich hab auch meins gehabt. Wichtig ist, dass ich weiß, dass es ihnen gut geht. Meine älteste Tochter ist so wie ich. Die jüngste ist ihrer Mutter ähnlich.

Wie neu

Ich brauch an sich keinen, der mir hilft. Wenn´s möglich ist, dann mach ich mir alles allein. Wenn ein neuer Tag anfangt, dann sag ich: „Schau ma halt amal was draus wird“. Ich mach mir alles selber. Da kann nicht viel passieren. Schön ist, wenn ich mich mit jemanden unterhalten kann. Die Sozialarbeiterin kommt alle vierzehn Tage, und mit der kann ich mich ausreden. Sie sieht gleich, ob ich gut oder schlecht drauf bin. Wenn die weg ist, komm ich mir vor, wie neu. Mit der kann ich mir alles von der Seele reden. Die hat Zeit, ein bis zwei Stunden. Sie bringt mir auch was ich brauch.

Alles kann ich nicht mehr selber

Meine Hoffnung ist, dass ich noch einmal eine eigene Wohnung krieg. Mir bleibt ja nix anderes über, als das Beste aus der jetzigen Situation zu machen. Jetzt krieg ich wenigstens in der Woche eine Stange Zigaretten. Die holt mir der Zivildiener. Weil selber kann ich das nimmer. Das Schöne an der Wohnung da ist, dass ich meine Ruh hab. Ich kann meine Tür zu machen, und dann werd ich in Ruhe gelassen. Und wenn ich was brauch, dann kommt wer zu mir.

Weil: Alles kann ich nicht mehr selber. Manchmal braucht man schon Hilfe. Wenn`s net weitergeht. Und dann ist die G´schicht erledigt. Man muss sich nur an die richtige Person wenden. Da sind bei uns ja genug da, die uns helfen. Aber dreinreden lass ich mir nicht…

#hoffnungsträger werden

Hadi Nazari
Hadi Nazari

„Habe jetzt Vertrauen, dass ich viel lernen kann“

Hadi: Egal, wir müssen weiterleben. Deswegen sind die Freunde wichtig.

Hadi stammt aus Afghanistan, ist 19 Jahre alt und seit zweieinhalb Jahren in Österreich. Erst in den letzten neun Monaten konnte er endlich einen Deutschkurs machen - und hat es geschafft seinen Hauptschulabschlusskurs mit Bestnoten abzuschließen. Er wohnt in Mödling und möchte eine Lehre machen. Wenn Hadi allein zuhause ist, hört er gerne Musik und kocht.

Ich bleibe stark

Aber Hadi ist ein sehr nachdenklicher und oft auch trauriger junger Mann. „Früher habe ich ein Ziel gehabt. Jetzt habe ich kein Ziel, keine Zukunft“, sagt er. Hadi ist ganz allein aus Afghanistan geflohen. Er ist nach einer langen und schweren Reise über den Iran nach Österreich gekommen. Sein sehnlichster Wunsch ist es, seine Familie, die im Iran lebt, zu sich zu holen. Aber es erscheint ihm aussichtslos. Ist doch auch sein dauerhafter Aufenthalt in Österreich noch immer nicht gesichert. Und trotzdem: „Jetzt will ich Arbeit finden. Ich muss Geld verdienen und möchte meine Familie schützen“, sagt er. „Ich sag` ihnen oft: Ihr seid wichtig für mich. Ich mache alles, ich bleibe stark. Mir ist egal wie viele Stunden ich arbeiten muss. Ich will ihnen helfen. Aber ich kann nicht viel helfen. Deshalb bin ich oft traurig.“

Reden hilft

Hadi hat zwei Freunde, die ähnliches erlebt haben. Wenn die anderen auch ihre Geschichte erzählen, weiß er: er ist nicht alleine. „Es geht meinem Freund auch so. Er sagt oft: Egal … wir müssen weiterleben. Deswegen sind die Freunde wichtig. Reden hilft immer. Wenn du böse, glücklich, traurig bist… kann man das mit Freunden teilen“.

Schulabschluss

Stolz ist Hadi über seinen Schulabschluss, den er mit sehr guten Noten geschafft hat. „Bei der Hauptschulabschlussprüfung war ich gut. In Mathe 1, in Deutsch 2, Biologie und die anderen Fächer alles 2er, nur Englisch finde ich schwierig. In neun Monaten hab ich das geschafft, ich war sehr stolz auf mich. Ich habe jetzt Vertrauen, dass ich viel lernen kann.“

Die Diakonie ist Hoffnungsträger für Hadi.
Hadi ist Hoffnungsträger für uns.

#hoffnungsträger werden

Heidrun Jannach
Heidrun Jannach

„Ich bleibe dort, solang ich gebraucht werde“

Heidrun Jannach: Meine Aufgabe ist es, unglücklich verwirrte Menschen in ihrer besonderen Lebenssituation zu begleiten

Ich betreue seit 2011 Menschen mit Demenz. Das Bild der unglücklich verwirrten Menschen war mir seit Kindheit vertraut. Damals bei meiner Großmama kannte man diese Krankheit noch nicht. Aber ich musste keine großen Schwellen überwinden, um mich solchen Menschen zu nähern. Als „Validatorin“, so heißt die Art der Begleitung, für die ich eine Ausbildung gemacht habe, versuche ich mich in die Schuhe der mir anvertrauten Menschen zu versetzen. Sie fühlen sich in ihrer Realität sehr unverstanden und alleine. Auch zurückgestoßen. Und da mit ihnen zu gehen, sich ihnen an die Seite zu stellen, ist meine Aufgabe.

Gestern habe ich versucht, für eine alte Dame zu singen.

Sie ist 94 Jahre alt und hat ihr Sprechvermögen weitgehend verloren. Es ist einfach so, dass kognitive Fähigkeiten manchmal verloren gehen. Aber das Emotionale bleibt den Menschen vollkommen erhalten. Also muss man sich ihnen auf der emotionalen Ebene nähern. Die Dame hat mit mir mitgesungen, und danach hat sie einen Satz gesagt. „Gell, du hilfst mir, dass ich noch ein bissl dableiben kann…“. Solche Momente sind sehr bewegend. Da weiß ich dann, wofür ich dort sitze. Weil sich die Menschen sonst völlig verloren fühlen.

Eine meiner Trainerinnen hat gesagt, mit jedem unserer Gespräche bauen wir eine kleine Insel im Meer der Einsamkeit. Vielleicht können wir zwischen diesen Inseln auch Brücken bauen. Dann wird der innere Erlebnisraum dieser Menschen etwas weiter, etwas heller.

Schönes

Eine Dame, mit der ich lange beisammen war, hat unglaublich mit ihrer Situation gekämpft. Sie hatte den Wandertrieb. Das ist nur zu verständlich: Diese innere Unruhe bedeutet „Ich will nicht hier sein, ich will in mein altes Leben zurück“. In der Pflege gelten solche Menschen oft als die „lästigen Patienten“. Ich hab sie auf dem langen inneren Weg begleitet. Eines Tages bin ich zu ihr gekommen, sie hat mich angeschaut, und ich hab nur gesagt: „sehr nachdenklich heute“. Darauf sagt sie, die kaum noch jemals sprach: „Ja, denken tu ich viel, hast mir ja geholfen dabei“ Ich antwortete: „Was beschäftigt Sie jetzt sehr?“ Und sie: „Nur Schönes!“ Da war ich sehr dankbar. Sie hatte so eine innere Arbeit geleistet, dort hinzukommen. Davor dachte sie alle Menschen seien böse, fremde Männer stiegen durch ihr Fenster ein, die Krankenschwester schütte ihr Wasser ins Bett. Und so fort. Und jetzt dachte sie nur mehr Schönes! Das gibt mir ein gutes Gefühl, ein Gefühl der Dankbarkeit.

Hoffnung ist ein Lebensmittel

Den Begriff „Hoffnungsträgerin“ finde ich sehr schön. Ich denke, Hoffnungsträger erkennen die Bedürfnisse und Nöte von Menschen und stellen sich an ihre Seite. Und sie bleiben dort, solang sie gebraucht werden.
Hoffnung definiert sich für mich auch über Solidarität. Sie bedeutet für einander da zu sein. Hoffnung geben kann ich nur über meine Nähe zu anderen Menschen. Hoffnung ist ein Lebensmittel. Hoffnung macht das Leben möglich. Und Hoffnungsträgerinnen dürfen diese Lebensgrundlage vermitteln.

#hoffnungsträger werden

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